Antun Gustav Matos

 

Antun Gustav Matoš

Camao / Kamao (1900)

            Aus dem Krankenhaus entlassen, komponierte er einem Musiker ein Couplet gegen den Präsidenten der Republik, das in einer Woche Paris überströmte. Das Honorar empfangen, ging er zum Bahnhof und fragte, wohin er mit dem nächsten Zug hinkäme.
»In die Schweiz.«
Und am nächsten Morgen traf Alfred Kaminski in Genf ein.
Sein Oheim, Peter Tkalac (des Vaters erinnerte er sich nicht), war in Kroatien Priester. Über Nacht Domherr geworden, wurde er alsbald weit bekannt durch seinen Bukovec und die lukullischen Gelage, bei denen er seine Parteikameraden bewirtete, und dabei verheimlichte er vor ihnen nie, dass er seinen Neffen leidenschaftlich liebt, auch nicht dann, als er Bischof wurde und die bösen Zungen ihm diese Liebe vorwarfen...
Alfred war ein so schlechter Schüler, dass ihn seine Privatlehrer für einen Idioten hielten. Der Bischof zweifelte schon, dass er den liebsten Knaben bis zum Theologiestudium hinauf werde schieben können, als er ihn auf Latein etwas singen hörte. Er lugte durch das Fenster und sah im Garten, unter dem großen Kastanienbaum, den Kleinen und in seinen Händen des Oheims schweres Brevier. »Is net’ möglich: Der kleine sang Psalmen improvisierend!« Er sang so unschuldig, so herzensfroh, dass dem Bischof vorkam, als höre er den kleinen Mozart. Er beeilte sich in den Garten und brachte den Kleinen auf seinen Armen zu Mutter, jauchzend:
»Ich wusste es, ich wusste es Marta, dass in Lojseks Sohn irgendetwas stecken muss! Ich bitte Dich, sende noch heute nach unserem Organisten. Und du, Alfek, was würdest du denn gerne lernen wollen, sag dem Oheim!«
»Ich möchte Klavierspielen lernen!«
Noch Knabe, ging der neue Krežma nach Wien, wo er Professoren am Konservatorium durch sein Talent und Kameraden durch eine herrschaftliche Verschwendung begeisterte. Er hielt einen Diener und zweimal die Woche einen Jourfix, und genoss es dabei die unzähligen Musiker, so manche lustige Schauspielerin, Balletttänzerin oder Freundin vom Konservatorium mit dem Wein aus Onkels Weingarten betrunken zu machen. Neulich überraschte ihn bei einer solchen Unterhaltung der Onkel, angekommen Inkognito und in ungewohnten Kleidern aus Budapest, wo er an einer Parlamentsitzung teilgenommen hatte. Alfred stellte ihn bedenkenlos als einen der berühmtesten Schauspieler in Zagreb vor, und der Scherzliebende – der errötete und weißhaarige Prälat ergötzt durch diese jugendliche Mutwilligkeit, blieb mit der fröhlichen Jugend bis zum Morgengrauen, bezahlte den Champagner und schwärmte und jauchzte, als der Neffe am Klavier Beethoven spielte oder über ein wehmütiges Lisinski-Thema phantasierte. Er nahm ihn nach Budapest mit und führte ihn in die noblen Salons ein, die der junge Bursche stürmisch eroberte, mit dem Spiel und noch mehr mit dem Aussehen. Er war schön wie der junge Bacchus. Der schlanke jugendliche Körper war noch jener des Adonis, fast hermaphroditischer Statur. Obwohl er siebzehn war, scheute sich die Hausherrin, Baronin L. nicht, dieses verkleidete Mädchen vor versammelter Gesellschaft auf die Stirn zu küssen, auf die weiße und mit blauen Äderchen vernetzte Stirn, auf die braunen Locken fielen, und auf die großen, purpurnen und wollüstigen Lippen. Und er konnte nur mit Mühe sich entziehen, eilte zum Klavier und die schlanken Finger flogen über die Klaviatur wie das Bein einer in Angst versetzten Spinne.
Zu Beginn des letzten Studienjahres am Konservatorium nahm Kamenski – nach einer Partie Préférence, die er vorsätzlich verlor –, ganz automatisch den "Obzor", bestürzt stieß das marmorne Beistelltisch und brach in bittere Tränen aus – Tränen, die ersten und letzten in seinem Leben. Nach Hause eilend angekommen, fand er den Brief in dem ihn auch die Mutter benachrichtigte, dass der Wohltäter, seiner und ihrer, plötzlich gestorben sei, dass keiner, auch sie nicht, dies erwartet hätte. Sie beschwor den Sohn nach Zagreb zurück zu kommen, denn sie hätte kein Geld, um ihn in der Fremde zu unterhalten. Das wenige an Silbergeschirr und ein paar Hunderter Scheine, die man fand, sind nichts!
Es war dies am Monatsende, und Kamenski hatte statt des Geldes einige Hunderter Schulden.
Er verkaufte die Möbel, zwei Pianos und ein Harmonium, alle Kleider bis auf jene, die er gerade trug, und landete im Krankenhaus, aus dem er nach drei Monaten als Schatten seiner selbst herauskam. Zwei Nächte schlief er auf der Straße, und die dritte stürzte er sich in ein obskures Loch, wo er den Kerlen und Dirnen Polka und Walzer spielte, von zehn am Abend bis vier in der Frühe, für zwei Forint, für das Abendessen und das Bier, soviel er trinken konnte. So wurde ein Jahr lang gelebt. Eines Abends brechen in das Lupanar (Bordell) seine Bekannten herein, die er einst bewirtete. Zum Glück erkannten sie ihn nicht sofort wieder, er entfloh und landete wiederum auf der Straße. Am dritten Tage, als er schon völlig ermattet  war, klopfte ihm sein ehemaliger Professor auf die Schulter, der bekannte F-f. Kamenski wollte fliehen, aber der bestürzte Herr hielt ihn zurück. Fragen, Bitten, Vorwürfe, und Kamenski beichtete alles. Der berühmte F. nahm ihn am Arm, führte ich zu sich nach Hause und sagte:
»Von nun an bin ich ihr Tutor. Eine Schande wäre es bei Gott gewesen, dass ein solches Talent untergeht. Weil sie schwach und krank sind, erholen sie sich und spielen sie bei mir bis zum Herbst, und im Herbst geht es aufs Konservatorium, und sie schließen es ab. «
Aber Kamenski hat sich so gut erholt, dass er im Herbst rekrutiert wurde. Bangend, nach dem Militär alles wieder von Neuem anfangen zu müssen, ging er, seinem Wohltäter einen Brief hinterlassend, zur Mutter nach Zagreb, dann wieder nach Wien, und wurde von einem Agenten als Klavierspieler für einen Klub in London engagiert. Aber der Klub ging bald ein, und Kamenski erreichte nach viel Mühe Norwegen. In Kristiania verbrüderte er sich mit dem Sonderling und Novellisten Dybfest, und als sich dieser aus Schuldgefühl, da er mit angesehen hatte, wie einer seiner Bekannten ertrank, umbrachte, bestürzte dies Kamenski so sehr, dass er erst nach einem halbjährigen Herumtreiben mit einem Frauenorchester nach Berlin angekommen war, wo er Ruhe fand und ein echter Fatzke und Zigeuner-Kapellmeister wurde. Gerade war er im Begriff, Vorbereitungen für sein erstes ersehntes Klavierkonzert in Warschau zu treffen, als ihn die Polizei, zusammen mit einem Kameraden, dem Anarchisten Majewski, nach Belgien auswies. Nach dieser nicht zu beschreibenden Leiden erreichte er Paris. Kein Wort Französisch verstehend, überlebte er, zum großen Erstaunen, ein ganzes Jahr ohne einen Groschen in der Tasche, und stieß dann einmal endlich auf ein Piano.

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